Deutsche Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft

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Zur Entwicklung der verkehrshistorischen Lehre und Forschung in Dresden

Bald nach der Gründung der Hochschule für Verkehrswesen HfV (siehe dazu Traditionsseite für die Fachschaft Verkehrswissenschaften 'Friedrich List' Dresden) im Jahre 1952 entstand ein sozialgeschichtlicher Lehrstuhl, der bis Mitte der 50er Jahre zum Lehrstuhl für Geschichte der Wirtschaft und des Verkehrs ausgebaut wurde. Das Institut für Verkehrsgeschichte unter Leitung von Prof. Elfriede Rehbein¹ wurde in den 60er Jahren zum Zentrum verkehrsgeschichtlicher Forschung und Lehre in der DDR. Dem Institut oblag u.a. die wissenschaftliche Betreuung und Führung des Dresdner Verkehrsmuseums; zahlreiche Dissertationen zur Entwicklung des Verkehrs im 19. und 20. Jahrhunderts wurden hier verteidigt, zugleich begann eine intensive Publikationstätigkeit.

Mit der Zerschlagung der historischen Spezialdisziplinen in der DDR durch die 3. Hochschulreform (1968) verschlechterten sich die Bedingungen für die verkehrshistorische Arbeit. Durch Verlagerung des Schwerpunkts auf Entwicklungsthemen der Gegenwart gelang der Erhalt des Wissenschaftsbereichs. Hauptschwerpunkt wurde die Darstellung der Verkehrsentwicklung und -politik in der DDR und den übrigen RGW-Ländern, zugleich wurde die wirtschaftsgeschichtliche und technikgeschichtliche Forschung und Lehre ausgebaut, an Themen zur westeuropäischen und internationalen Verkehrspolitik wurde die Arbeit begonnen. Vorlesungen und Seminare liefen zu desem Schwerpunkt an der damaligen Sektion Verkehrs- und Betiebswirtschaft, daneben wurden Lehrveranstaltungen zur Verkehrsgeschichte der Eopche von 1800-1945 an den technischen Sektionen der HfV gehalten. Entsprechend des Arbeitsgebietes liefen auch die Dissertationen, Habilitationsschriften und Forschungsthemen in ähnlicher Richtung (z.B. Prognose des Güterverkehrsbedarfs in der DDR bis 1985 (1970 ff), bzw. zur Technikgeschichte des Landverkehrs (1975 ff).

Ab Mitte der 70er Jahre widmete man sich dann wieder stärker der historischen Arbeit, sowohl in der Lehre, als auch in der Forschung. Insgesamt wurden bis 1989 ca. 220 Diplomarbeiten, 40 Dissertationen und 11 Habilitationsschriften verteidigt. Obwohl die Ausbildung und Forschung an der DDR-Geschichtswissenschaft orientiert war, ist eine doktrinäre oder demagogische Arbeit – im Rahmen der Gegebenheiten – am Institut nicht üblich gewesen: "Geschichte des Verkehrs und der Wirtschaft sind Disziplinen der Zahl. Technische und wirtschaftliche Leistungen sind exakt meßbar und werden nicht nach Ideologien berechnet."
Die Anzahl der Pubikationen des Instituts gehen weit über 600 hinaus, hervorgehoben seien als selbständige Titel:

  • Einbaum-Dampflok-Düsenklipper. Eine deutsche Verkehrsgeschichte. Urania Verlag, Leipzig 1968 (insgesamt 3 Auflagen)
  • Unterwegs durch die Jahrtausende. Streifzug durch die Geschichte des Verkehrs, Urania Verlag, Leipzig 1978 (2 Auflagen)
  • Zu Wasser und zu Lande. Die Geschichte des Verkehrswesens von den Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1984,
  • weiterhin ein Kapitel zur Verkehrsgeschichte in: Geschichte der Produktivkräfte, Akademie-Verlag, Berlin 1978 ff. (3 Bände)
  • sowie diverse weitere Veröffentlichungen zur Geschichte der Eisenbahn, zur Geschichte des Kraftverkehrs, zur Geschichte des Tourismus und zur allgemeinen Verkehrsgeschichte.

In der Lehre wurde besonderer Wert auf die historische Darstellung der Komplexität des Verkehrswesens gelegt. Dabei wurden über die Technik- und Wirtschaftsgeschichte hinaus auch benachbarte Geschichtsdisziplinen einbezogen.

Die wichtigsten Mitarbeiten (hinzu kommen im Lauf der 4 Jahrzehnte etwa 35 zeitweilig beschäftigte wissenschaftliche Mitarbeiter und Assistenten):

  • Prof. Dr. phil. habil. Elfriede Rehbein¹ (Lehrstuhl- bzw. Institutsleiter): Eisenbahn, allg. Verkehrsgeschichte
  • HD Dr. rer. oec. habil. Rudi Keil : Geschichte des Post- und Fernmeldewesens
  • Prof. Dr. rer. oec. habil. Heinz Wehner : Geschichte des Fremdenverkehrs, ab 1988 auch des Nachrichtenverkehrs
  • Prof. Dr. rer. oec. habil. Peter Kirchberg : Geschichte des Kraftverkehrs, Geschichte des Landverkehrs
  • Dr. oec. Jürgen Schmädicke : Geschichte der See- und Binnenschifffahrt, Geschichte der Verkehrsinfrastruktur

In der ab 1990 geplanten Neuordnung der HfV sollte die Verkehrsgeschichte ihren eigenen Platz innerhalb des Fachbereiches für Geistes- und Sozialwissenschaften finden, wobei ein Institut für Wirtschafts-, Technik- und Verkehrsgeschichte geplant war. Inzwischen wurde die Hochschule für Verkehrswesen “Friedrich List” aufgelöst; im Jahr 1992 erfolgte die Gründung der Fakultät Verkehrswissenschaften “Friedrich List” der Technischen Universität Dresden. Die Pläne zur Weiterführung der Verkehrsgeschichte wurden zurückgestellt. Die geplante Einrichtung einer Professur für Wirtschafts-, Technik- und Verkehrsgeschichte scheiterte im Jahre 1993 aus Finanzierungsgründen.

Nach dem Ausscheiden von Prof. Wehner (1991), dem Weggang Prof. Kirchbergs zu Audi (Anfang 1992) war zuletzt Dr. Schmädicke für die Forschung und Lehre an der Fakultät Verkehrswissenschaften “Friedrich List” zuständig. Entsprechend der Stellenplanungen der Fakultät hatte der Lehrstuhl für Verkehrsgeschichte keine weiteren Mitarbeiter. Herr Dr. Schmädicke führte bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2001 die Forschungs- und Lehraufgaben im “Fachgebiet Verkehrsgeschichte” am Institut für Verkehrssystemtechnik, Professur für Regionaverkehr durch. Mit seinem Ausscheiden kam es zur endgültigen Auflösung des Fachbereiches Verkehrsgeschichte am Hochschulstandort Dresden. Damit erlosch die in dieser Form an deutschen Hochschulen einzigartige Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Verkehrsgeschichte und somit auch eine wichtige Disziplin im Kanon der übrigen Verkehrswissenschaften.

Das Junge Forum der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft e.V. hat sich zum Ziel gemacht, diese Tradition wenigstens teilweise weiterzuführen. Insbesondere soll versucht werden, durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Teildisziplinen der Verkehrswissenschaften dem hohen Anspruch der “Dresdner Schule” nach Interdisziplinarität gerecht zu werden: Die Verkehrsgeschichte ist eben nicht ausschließlich auf das Gebiet der Geschichte der Technik des Verkehrs, auf die Wirtschafts- und Handels- und Sozialgeschichte oder auf die Geschichte der einzelnen Verkehrsträger beschränkt.
Gerade im Hinblick auf die Privatisierung des Verkehrsmarktes in Deutschland seit den 1980er Jahren und den damit verbundenen Folgen und ebenso in Hinblick auf das ständige Wachstum des Verkehrs ist eine verkehrshistorische Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart des Verkehrswesens unabdingbar. Hier sind dem Wirken des Jungen Forums der DVWG eindeutig Grenzen gesetzt. Es bleibt die Hoffnung, dass die Verkehrsgeschichte möglichst bald wieder einen Platz in der Forschungs- und Bildungslandschaft einnehmen wird und somit die zugegeben provisorische Weiterführung der Traditionen durch das Junge Forum damit nicht mehr nötig sein wird.

Anmerkungen:

  • ¹A: Habilitation um 1953 an der Humboldt-Universität zur preußischen Eisenbahnpolitik; Direktorin des Verkehrsmuseums Dresden bis 1974
  • Nachruf Frau Prof. Rehbein

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